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Systems of Compliance at Boeckercontemporary

Install Shot SOC

Vom 19. – 21. Februar 2016 war die Ausstellung Systems of Compliance bei Boeckercontemporary in Heidelberg zu sehen. Im folgenden die Eröffnungsrede von Aline von der Assen :

Systems of Compliance, der Titel der Ausstellung bedeutet auf Deutsch in etwa so etwas wie ‚Stresstest’ oder ‚Belastungstest’, im künstlerischen Sinne könnte man es als Materialerforschung aus ästhetisch (sinnlicher) Perspektive bezeichnen.

Arbeiten von Line Krom, Jin-Kyoung Huh, Christoph Borowiak und Yoon Jung Kim werden präsentiert.

In dieser Ausstellung bin ich, sowohl als Organisatorin als auch als Künstlerin vertreten. Diese Doppelrolle ist ein bisschen kniffelig, hat aber auch durchaus ihren Reiz. Dass ich diese Ausstellung als Künstlerin organisiert und die Arbeiten aus künstlerischer Perspektive ausgewählt habe, merkt man diesem, wie auch meinen anderen Ausstellungsprojekten an. Denn die Perspektive auf die Kunst meiner Kolleginnen und Kollegen ist eher ein ästhetisch-forschender als eine kunsthistorische Klassifizierung oder Kontextualisierung.

Line Krom zeigt eine weiße Leinwand ‚Untitled (Strippings #8), die klassisch auf einem Keilrahmen auf gezogen ist. Im Prinzip könnte man als MalerIn, jetzt loslegen, die Leinwand also Grundieren und dann darauf malen. Das Befremdliche ist allerdings, dass sie aus der Leinwand einzelne Fäden herausgezogen und entfernt hat. Dadurch hat sie die Leinwand im Grunde unbrauchbar gemacht, denn nun kann man nicht mehr darauf malen. Das Spannende ist – und das kann man hier in diesem Galerieraum ganz besonders toll beobachten – als Betrachter fängt man sofort an Korrespondenzen mit der Wand zu suchen, und die Fleckigkeit/das Flickwerk im Putz wird auf einmal zum Betrachtungsgegenstand. Kroms Arbeit thematisiert also quasi den Galerieraum mit und macht ihn zum Thema.

Jin-Kyoung Huh SOC3

Jin-Kyoung Huh, präsentiert zwei Arbeiten, eine davon wird am Boden liegend präsentiert. 4D Heidelberg – Wie unschwer zu erkennen handelt es sich um eine Arbeit aus Papier. Der Bogen ist von einer Seite mit Gesso, einem Malgrund beschichtet. Durch die aufgetragene Farbe und das Raumklima in der Galerie ändert sich die Oberflächenspannung des Papiers und der Bogen verzieht und wölbt sich. Er beginnt fast zu schweben und thematisiert zugleich seine Objekthaftigkeit. So thematisiert auch diese Arbeit indirekt den Galerieraum mit.

Bei der andere Arbeit handelt es sich um eine Zeichnung, die in Form einer Möbiusschleife präsentiert wird: Wedding drawing 500/04. Es handelt sich um eine monochrome Zeichnung, die entsteht in dem Huh einzelne Linien mit einem Edding-Marker zieht und diesen Vorgang so lange wiederholt bis dieser leer ist. So entsteht ein Farbverlauf von dunkel nach hell.

Gegenüberliegenden sehen wir die Abspiele des Zeitstreifens von Christoph Borowiak, genauer um den Zeitstreifen 01422015 und die Abspiele: 1. Abspiel (Christoph Borowiak), 2. Abspiel Xeno Boecker und 3. Abspiel Aline von der Assen.

Jetzt habe ich gleich zwei Begriffe genannt, die wohl zunächst einer Klärung bedürfen:

Abspiel: Bei genauem Hinsehen wird man sich vielleicht wundern, denn neben der Wiederholung des Motivs fällt auf,dass es sich um einen Druck auf ganz normalen Kopierpapier handelt, die sich minimal unterscheiden.

Zeitstreifen: Wer sich bereits mit einem Willkommensgetränk versorgt hat, dem ist vielleicht auch die gerahmte Zeichnung in der Nähe der Bar aufgefallen. D.h. der Zeitstreifen und die Abspiele sind in dieser Ausstellung räumlich von einander getrennt gehängt, dennoch fällt auf, dass sich die Arbeiten visuell aufeinander beziehen. Für den Zeitstreifen beginnt Borowiak mit einem kleinen Kästchen, das er frei Hand mit Bleistift auf ein weißes Blatt Papier zeichnet. Ist dieses vollendet, bildet dieses den Ausgangspunkt für die weitere Zeichnung. Er ist nun bestrebt dieses Kästchen zeichnerisch exakt zu wiederholen. Borowiak ist ja nun keine Maschine oder Roboter, dennoch gelingt es ihm sich zeichnerisch sehr nah an seiner selbstgeschaffenen Vorlage zu orientieren. Die minimalen, grafischen Unterschiede, gehen oftmals auf das Papier selbst zurück. Denn obwohl es maschinell hergestellt wurde sind die Faserverläufe unregelmäßig – kein Blatt gleicht dem anderen, könnte man sagen. Hier sind wir nun an dem Punkt, der sowohl bei Krom als auch bei Huh bereits eine Rolle gespielt hat: der Bezugsrahmen, wird zum Gegenstand der Betrachtung, in diesem Fall das Papier und die ihm innewohnenden einzelnen Verwerfungen und Furchen. Die Materialerkundung, das Papier und der Drucker spielen auch eine Rolle in den hier im Galerieraum gezeigten Abspielen. Laut Borowiak hat ein Zeitstreifen kein Ende, sondern nur einen Anfang. Aus diesem Grund stellt er Zwischenetappen seiner ‚unvollendeten’ Werke ins Internet. Diese können von Kunstinteressierten ausgedruckt und an den Künstler gesandt werden. Borowiak erhält so nach und nach eine wachsende Sammlung, die unterschiedliche Papiersorten und Drucker miteinander vereint und so vergleichbar macht. Der ‚freiwillige KünstlerassistentIn’ erhält als Dank für seine Arbeit einen hochwertigen und signierten Druck vom Künstler.

Heute Abend und auch im Laufe der kommenden Tage können wir Yoon Jung Kim bei ihrer Bestandsaufnahme beobachten: Sie ist extra aus Suwon, Korea angereist um ihre Performance hier vor Ort präsentieren zu können. Die Künstlerin nutzt drei verschiedene, handelsübliche Büromaterialien zur Produktion ihres Werks. In ihrem streng choreografierten Belastungstest werden diese Materialien und ihre alltägliche Handhabung zur Kunst. Sie untersucht folgende Ausgangsfragen:

Wie viel Tipp-ex lässt sich übereinanderschichten? Wie viele Linen lassen sich mit einem Highlight/Neonmarker ziehen bis die Patrone leer ist? Und wie oft lässt sich ein Post-it-Zettelchen von einem Blatt abziehen bis ihm seine Klebekraft abhanden kommt?All diesen Fragen geht Kim anschaulich-performativ nach, sie führt akribisch Buch über die Reihenfolge und die Anzahl ihrer Aktionen. Dabei wir deutlich, dass sich der Belastungstest weitweniger auf das Material Tipp-Ex, Marker und Post-It als auf das Material Künstler bzw. Mensch bezieht.

Bei allen hier heute Abend vorgestellten Positionen spielt immer wieder das verborgene, nicht unmittelbar offensichtliche eine große Rolle – daher nun zu einem weiteren Künstler, der eine Rolle spielt, auch wenn hier heute sein künstlerisches Schaffen nicht im Zentrum steht. Wie auch ich, als Künstlerin und Kuratorin, hat Arvid Boecker bei Boeckercontemporary eine Doppelrolle inne, die des Künstlers und die des Galeristen. Ausgangspunkt in der Doppelrolle, ist aber immer das Künstler-sein:

Wie wir bereits gesehen und gehört haben bedeutet Künstler-sein ästhetisch-sinnlich zu forschen, sich auf neue Prozesse einzulassen, deren Ergebnis zunächst einmal offen und unbekannt ist, Künstler sein bedeutet, aber vor allem schöpferisch-gestaltend tätig zu sein und steht damit im Kontrast zu einer passiven und bloß Konsum orientierten Haltung. – ich denke, dass eben dies das zentrale Anliegen des Kunstraums Boeckercontemporary ist – Kunst einen Raum zu geben und Kultur so aktiv mitzugestalten.“

Arvid Boecker SOC

Upcoming: Systems of Compliance

Systems of Compliance

Eine Gruppenausstellung mit Arbeiten von Christoph Borowiak, Jin-Kyoung Huh, Yoon Jung Kim und Line Krom

im Projektraum boeckercontemporary, Viktoriastr. 12, 69126 Heidelberg

 

Eröffnung Freitag 19.2.2016 19.00 bis 21.00 Uhr

Die Künstler_Innen sind anwesend.

Öffnungszeiten und Dauer der Ausstellung

  1. – 21. 2 2016 jeweils 14.30 bis 19.00 Uhr

 

Die Ästhetik der Wiederholung steht im Zentrum der Aufmerksamkeit der Gruppenausstellung. Die Künstler_Innen Borowiak, Huh, Kim, und Krom verbindet weit mehr als eine bis zur Materialermüdung getriebene Wiederholung von Handlungen, es ist auch das gemeinsame Interesse an der ästhetischen Askese. Subjektive Gesten treten zu Gunsten einer rationalistischen Bild- und Formensprache in den Hintergrund.

 

Der in Frankfurt am Main lebende Künstler Christoph Borowiak legt mit Bleistiftlinien Miniaturlandschaften frei, die bereits in jedem Blatt Papier durch die individuellen Faserverläufe angelegt sind.

 

Schon lange setzt sich die Frankfurter Künstlerin Jin-Kyoung Huh in ihrem Werk mit Materialtests auseinander. Ihre aus Papier gestaltete Installation reagiert auf die Umgebung und verändert die Struktur und Beschaffenheit je nach Witterung.

 

Die in Suwon (Südkorea) lebende und arbeitende Künstlerin Yoon Jung Kim exerziert in einer drei Tage andauernden live Performance Belastungsproben mit handelsüblichen Büromaterialen durch. Aus standardisierten Handlungsabläufen entstehen abstrakte Bilder.

 

Line Krom entfernt einzelne Fäden aus Leinwänden. Die in Frankfurt lebende Künstlerin treibt das Experiment exzessiv voran, so dass sich die Bildfläche buchstäblich auflöst und den Blick auf die Galeriewand freigibt.

 

Wiederholung als die Wiederkehr des immer Gleichen? Ist eine vollkommene Wiederholung überhaupt möglich? Die Ausstellung exerziert diese Frage durch und unterstreicht, dass sich sowohl Spannung als auch Innovation aus der Differenz zwischen Ursprung und Nachahmung speisen.

 

Kuratiert von Aline von der Assen