Fundamental Ephemeris at Bronx Art Space New York

Mail Art Bronx Art Space

„Love Letters“

Vom 1. bis 14. September 2013 findet im BronxArtSpace in New York eine von den Künstlerinnen Jutta Heun und Aline von der Assen organisierte Mail Art Ausstellung statt. Es werden Werke von 32 internationalen Künstlerinnen und Künstlern gezeigt:

Aleksandra FrankowskaAnja PriskaAnke Röhrscheid, Astrid Stricker, Bernd MetzBirgitta WeimerCharles GeigerChris ShawChristoph Borowiak,  Cordula Hofmann, Dede Handon, Dieter Hoffmeister, Eric Decastro, Eva-Maria Kollischan, Eva Scheuter, Eva Weingärtner, Geza Adasz, Gudrun Klöckner, Ina HolitzkaJens LayJutta HeunLine Krom, Loizos Olympios, Maha ZarkoutMax Holicki, Max Pauer, Monika Linhard, Nestor Magdalengoita, Sibylle Feidt, Walli Bauer, Wang Ip Sszto, Zeesy Powers

Mail Art stellt eine Möglichkeit Kunst mit Briefen herzustellen dar. Es kann sich um das Verfassen von Kunstwerken in Briefformat handeln, aber auch Netzwerkarbeiten, bei denen Briefe untereinander verschickt und von den verschiedenen Teilnehmern weiterbearbeitet werden, zählt dazu.

Die Motivation eine Mail Art Ausstellung in für den BronxArtSpace in New York zusammenzustellen, bot sich zunächst einmal aus rein pragmatischen Gründen an, auch wenn  Mail Art im Zeitalter von elektronischer Kommunikation zunächst anachronistisch erscheint. Ein „Revisit“ bietet die Möglichkeit zur Überprüfung und potentiellen neu Bewertung, und diese Chance wollte ich nutzen.

Ein Aspekt der Mail Art oder Netzwerk Kunst, der sich durch die 1950 bis Ende der 1980iger hindurch zieht ist ihr experimenteller und durchaus auch spielerischer Charakter Netzwerke zu erschließen und zu erweitern. Ray Johnson,  früh aktives Mitglied der US-Mail Art Szene und aktiv an der Gestaltung der Mail Art Szene in USA beteiligt (Dokumentation, Ausstellungs- und Kongressorganisation), hebt in einem Interview hervor, dass sein Netzwerk auf 200 Mitglieder angewachsen ist. – Ein Netzwerk mit 200 mehr oder weniger aktiven Mitgliedern ist eine bemerkenswerte Leistung, allerdings im Vergleich mit heutigen E-Mailverteilern, Facebook Freunden oder Kontakten in anderen Netzwerken haben sich die Möglichkeiten des Netzwerkens multipliziert.

Aber es sind nicht nur weiterentwickelte technische Möglichkeiten der Kommunikation, wie E-Mail, Chat, Internettelefonie usw., die schnellere und einfachere Kontaktaufnahme mit Gleichgesinnten erlauben. Heute herrscht für die meisten weltweit Künstler Reisefreiheit, die es im politischen Klima der 1950 -1990iger, nicht gegeben hat.  Diese Spannung zwischen dem Wunsch sich dem Anderen und Unbekanntem zu öffnen und gleichzeitig im vertrauten Terrain verortet zu sein verleiht der Mail Art ihre Dynamik.

Mein Blick auf Mail Art hat durchaus mit einer romantischen Perspektive zu tun – daher die Anspielung im Titel meines Essays „Love Letters“. Als ich 2007 mit einem kleinen Mail Art Projekt im Wimbledon College of Art angefangen habe, war mein Anliegen auf eine haptischere Art mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben als das per E-Mail oder Skype möglich ist. In diesem Zusammenhang sehe ich auch sechs Jahre später das Projekt Fundamental Ephemeris im BronxArtSpace.

Man könnte nun vielleicht meinen, dass es sich in diesem Zusammenhang um ein privat motiviertes Anliegen handelt – ja und nein, denn was privat und was öffentlich ist, ist gesellschaftlich definiert, es ist politisch gestaltet. Der andere Aspekt, der in dieser Sichtweise  mitschwingt, ist ein vielerorts beklagter Schwund an „Gemeinschaft“ in der Postmoderne. Ich denke, dass Mail Art in diesen beiden Bereichen, dem gesellschaftlich definierten Verhältnis zwischen Privat und Öffentlich und dem realen, weil physisch, dokumentierbaren Netzwerks Aspekte anzubieten hat, die vielfach ausgeblendet wurden.

Insofern handelt es sich bei der Auswahl, der in der Ausstellung vertretenen Künstler um eine Auswahl aus den Künstlernetzwerken sowohl von Jutta Heun und von mir, Aline von der Assen. In der Künstlerauswahl manifestieren sich sichtbar Beziehungen.

Da wir das Ephemere in der Ausstellung und dem Netzwerk betonen wollten haben wir unsere Freunde um Arbeiten zum Thema Zeit gebeten. Dies hat jede Künstlerin, jeder Künstler nach  eigenen Kriterien umgesetzt. Auch wenn wir uns bei der Hängung der Arbeiten in New York entschieden haben, alle vier Tage die Werke umzuhängen um sie in neue Beziehungen zu einander zusetzen, werde ich sie für die Web-Dokumentation in kleine Kategorien unterteilen.

Die künstlerische Arbeit als Prozess. Der Cypriotische Künstler Loizos Olympios verwendet Abbildungen aus der Tagespresse und verarbeitet diese zu Collagen. Durch die aktuellen Zustände in Cypern gewinnen sie an politischer Brisanz. Olympios schreibt: „Juxtaposing tapestries formed by childhood discoveries of death and adult | perception of approaching mortality  – Regrets of youth spent in idleness |Time becomes finite and slippery.“ Die Berliner Künstlerin Astrid Stricker überarbeitet ihre filigranen Bleistiftzeichnungen immer wieder. Häufig geht es um Beziehungen zwischen den dargestellten Figuren. Gleich einem psychoanalytischen Prozess werden alte Linienpfade ausradiert, bleiben aber doch sichtbar in das Blatt eingeschrieben. Die neu hinzugewonnenen Linien verändern die Figurenkonstellationen, es ergeben sich neue, narrative Entwicklungen und Bezüge.

Wenn es eine Erfahrung der Zeit gibt, so muss die Zeit in irgendeiner Weise auf die Sinne bezogen sein.(…)Können wir von einer wahrgenommenen Zeit ausgehen, die wir sehen, hören und tasten oder die wir zumindest mitsehen, mithören, mittasten?“ Fragt der Phänomenologe Bernhard Waldenfels (Ortsverschiebungen, Zeitverschiebungen. Modi leibhafter Erfahrung. Frankfurt 2009). Dieser Frage geht eine Reihe von Künstlern in der Ausstellung Fundamental Ephemeris nach. Häufig in ungegenständlicher und gestischer Form. Zeit ist nur reflektierbar, durch den Wandel, durch eine Unterteilung in ein Vorher und ein Danach, Anfang und Ende. Ein ganzes Kapitel widmet Waldenfels „Rhythmen und Tempi“, die aus Bewegungsabläufen, Bewegungsvermögen und Bewegungsgestalt speisen. Wandel und Permutation, Variation sind Spielweisen in denen die Schweizerin Eva Scheuter ihren Vogelschwarm auf dem Papier durchdekliniert. Sie kommentiert: „Die Zeit besteht aus Augenblicken, die vergehen. Was Zukunft ist, wird Gegenwart, wird Vergangenheit. Der Augenblick ist einzigartig, nicht wiederholbar.“ Ähnliches gilt für die Luxemburger Künstlerin Sibylle Feidt, die fünfzig mal das Wort fünfzig, wie eine Strafarbeit in der Schule wiederholt. Jedes einzelne handgeschriebene Wort erhält seinen eigenen Duktus.

Natur als Projektionsfläche, als Ort der Ewigkeit, weil der Alltagswelt entrückt ist findet sich bei dem gebürtigen Chinesen, heute in London lebenden Künstler Wang Ip Sszto. Er setzt sich mit den klassischen chinesischen Landschaftsdarstellungen auseinander. Ebenso wie bei seinen Vorlagen, handelt es sich um Collagen von Idealwelten. Wang schreibt: „‘Beyond’ where time exists. This is a world outside our range of perception and beyond our experiences, a world of ambiguity and uncertainly… our recognition … (is) … influenced by the boundary of cultural references to the process prior to our experience.“ Der New Yorker Künstler Charles Geiger verfährt entgegengesetzt, auch bei ihm geht es um Natur als Projektionsfläche, doch seine Natur ist verstümmelt und entstellt, Baumstümpfe verwandeln sich in Körper und vice versa.   „(My) paintings intermix metaphorical macro leaf, tree and marine forms into mesoscopic quasi-botanical landscapes where rituals of rejuvenation and hope are staged.

Konsum und Verfall sind Fragestellungen, die viele beteiligte Künstler beschäftigen. Sicherlich geht es manchmal um die Verführung in der Konsumwelt wie bei den Frankfurter Künstlerinnen Monika Linnhard und Dede Handon. Monika Linhard Installation Tütengeflüster kommentiert auf ironische Weise Plastikeinkaufstütentüten, die unmittelbar Assoziationen mit der Konsumwelt wecken.  Die Wärme einer Lampe haucht den Tüten Leben ein und sie beginnen knisternd Konsumgeschichten zu erzählen. Linhard „… verändert Gebrauchs- und Funktionswert der Gegenstände … Da Material immer auch ein Speicher von Ideen ist, verfolgt sie Aussagen, welche die zwischenmenschliche Kommunikation und Handlung beleuchten.“ Das diese Konsumwelt mehr Schein als Sein ist, davon erzählen die  Acrylic Paintings des Londoner Künstlers Chris Shaw. Die Fotografien von Dieter Hoffmeister dokumentieren den Verfall eines privaten Idylls, eines Schrebergartens, in der Nähe von Giessen.

Das Selbstporträt ist ein wichtiges Reflexions- und Inszenierungsthema künstlerischen Gestaltens. Im Zusammenhang mit dem Thema Zeit kann es die Performance des eigenen Schaffens in den Vordergrund stellen, wie bei dem New Yorker Künstler Nestor Madalengoitia – dieser auch so ernste und selbstreflexive Blick kann auch ironisch gebrochen werden wie bei dem Frankfurter Videokünstler Max Holicki. Aus der Egoperspektive, haben wir Zutritt zu einer  begrenzten Miniaturwelt, die aus einem Raum und einem Bildschirm besteht, auf dem sich in einem Loop in verschiedenen Variationen Würfel aus sich selbst heraus speisen und wieder auflösen. Die Frage nach der philosophischen Sinnsuche des Lebens wird humorvoll gebrochen, in dem sich der Protagonist hin und wieder kratzt oder einen Schluck Wasser trinkt, es passiert nichts. – Die hoffnungsvolle Frage an das Draussen, einem Gegenüber, wird nicht positiv beantwortet: es existiert nichts ausser mir und dem begrenzten Motivwechsel auf dem Bildschirm.

Ein Gedanke zu „Fundamental Ephemeris at Bronx Art Space New York

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